Nürnberger Nachrichten, Ausgabe 31.12.2009

Geld wird knapper

Im Leihhaus herrscht Hochkonjunktur

von Alexandra Haderlein

Das Pfandleihhaus am Unschlittplatz: Wer hierher kommt, dem fehlt meist das Geld fürs Allernötigste. Im Minutentakt öffnet sich die weinrote Tür mit den Eisenbeschlägen im ersten Stock und spuckt Menschen aller Altersklassen ins Innere.

Es ist Montag, kurz nach halb zwölf. Ein junger Südländer, Mitte zwanzig, betritt den großen in beige gehaltenen Saal des Pfandleihhauses. An einem der vier Schalter angekommen, breitet er ein Goldarmband auf der dunkelblauen Samtunterlage aus. "Ich hoffe, es bringt ein wenig Geld, ich muss nur die Zeit bis zum Monatsende überbrücken." Dann bekomme er seinen Lohn und sei wieder flüssig, erklärt der junge Mann.

Bis zu 200

Kunden kommen täglich ins Leihhaus.

Erfahrener Blick

Mit einem freundlichen Lächeln nimmt der Angestellte hinter dem Tresen das Armband und begutachtet es für einige Minuten am angrenzenden Schreibtisch. Edelmetallanteile, Gebrauchsspuren, eventuelle Reparaturen - nichts entgeht dem erfahrenen Blick des Pfandleihers.

Nach fünf Minuten gibt er sein Ergebnis bekannt: "Ich würde ihnen dafür 150 Euro geben." Der Mann stimmt zu. Für die kommenden zehn Tage sollte das reichen. Nachdem Personalien, Aussehen des verpfändeten Schmuckstückes, Dauer, Zinsen und Gebühren im Computer vermerkt sind, erhält der Mann einen Pfandleihschein mit all den Daten und das Wichtigste: sein Geld.

Seit 1618 existiert Nürnbergs ältestes Pfandleihhaus, das in einem urigen Sandsteingebäude beheimatet ist. Bis 1999 nahm es von der Geige bis zum Perserteppich alles an, was sich verpfänden ließ. Doch die Lagerkosten und der Wertewandel in Zeiten von Globalisierung und Wirtschaftskrise führten allmählich dazu, sich auf Schmuck und Uhren zu konzentrieren, die aufgrund ihres Edelmetallanteils gefragt sind. An die Zeiten, als sich im Obergeschoss des sechsstöckigen Hauses noch Teppiche, Statuen, Musikinstrumente, Möbel, Pelzmäntel und Silbergeschirr stapelten, erinnern heute nur noch 16 schlichte und leicht schiefe Blechregale sowie einige Haken an der Decke.

Die vier schwarz-silbernen Stühle hinter den Schaltern sind inzwischen wieder belegt. Zwei Männer sitzen dort und unterhalten sich. "Holst du oder bringst du", fragt der eine den anderen. Man kennt sich eben, kennt das Schicksal derer, denen es ähnlich ergeht.

Die Pfandleiher selbst fragen nicht nach den Gründen, weshalb der eine oder andere am Tresen steht: "Die Banken müssen nachfragen, wofür das Geld benötigt wird. Wir nicht." Wenn es jemand von sich aus erzähle, sei das in Ordnung, aber für den Pfandkredit sei diese Information unerheblich, erläutert Wolfgang Jeske, Geschäftsführer des Pfandleihhauses am Unschlittplatz das Vorgehen.

Das Grundprinzip ist einfach: Für den zu verpfändenden Gegenstand bekommen die Kunden einen Pfandkredit. Vom Arbeitslosengeld-II- Empfänger bis hin zur alten Oma mit kleiner Rente - alle Kunden haben drei Monate Zeit, ihren Gegenstand wieder auszulösen, indem sie den geliehenen Betrag sowie Zinsen und Gebühren zurückzahlen.

Falls der Gegenstand nicht ausgelöst und die Laufzeit des Pfandkredits nicht verlängert wird, geht er nach fünf Monaten in die Versteigerung. Der dadurch erzielte Gewinn deckt die anfallenden Gebühren und Zinsen des Pfandleihhauses. Den Rest erhält der Eigentümer.

Auch ehemalige Quelle-Mitarbeiter seien schon hier gewesen, erzählt Manuela Zeis, Leiterin der Pfandkreditabteilung: "Es nimmt mich besonders mit, wenn Menschen zu uns kommen, die ihr Leben lang gut für sich gesorgt haben und dann von heute auf morgen unverschuldet aus der Bahn geworfen werden."

Gerade deshalb mag sie jene Momente, in denen verpfändete Gegenstände wieder ausgelöst werden: Es komme häufiger vor, dass Menschen durch Glück oder durch einen Arbeitsplatz wieder Geld zur Verfügung haben, um ihren Schmuck auszulösen. "Häufig stehen sie dann mit Tränen in den Augen vor mir, weil sie gar nicht glauben können, dass der Gegenstand nun wieder ganz ihnen gehört.", erzählt Zeis.

Einer von jenen Menschen könnte die alte Dame sein, die gerade auf ihren Stock gestützt auf den Tresen zugeht. Sie ist klein und dünn, trägt einen grauen Mantel und Hut. Silberweise Locken spitzen darunter hervor. Ihr Gesicht ist vom Leben gezeichnet. Mit zittriger Hand kramt die

alte Dame in ihrer Handtasche nach dem Geldbeutel und blättert neben dem Pfandschein einige Scheine hervor. "Ich möchte meine Ringe abholen", sagt sie zum Angestellten, der mit schnellem Blick auf die Nummer die zugehörige Pfandschachtel aus dem Tresor holt. Die Seniorin strahlt, als die Kartonschachtel geöffnet wird und ihr die beiden Ringe auf den Samtuntersatz gelegt werden. Noch ehe sie sich weggedreht hat, steckt sie sich einen der Ringe an den Finger.

Dicke Eisentüren

Vom Trubel im Leihhaus merkt man im Tresorraum nichts. Verschlossen hinter einer dicken Eisentür, in einem kleinen schlauchförmigen Raum warten die zahlreichen Pfandgegenstände auf die Auslöse durch ihren Besitzer. Links und rechts ragen dunkelbraune Schrankwände, die wie Medikamentenschränke einer antiken Apotheke aussehen, bis unter die Decke. In quadratischen Schubladen lagern die mit Nummern beschrifteten Pfandleihschachteln aus Karton. "Zwischen drei- und viertausend solcher Schachteln haben wir momentan hier verstaut, teilweise mit bis zu vier oder fünf Schmuckstücken", so Zeis.

Täglich kommen zwischen 100 und 200 Kunden, um Uhren und Schmuck zu verpfänden. Vor Weihnachten waren es einige mehr, die mit dem Erlös Geschenke kaufen wollten.

Und die Lage wird sich wohl so schnell auch nicht entspannen, meint Manuela Zeis: "Ich denke, dass es sich im neuen Jahr nochmals zuspitzen wird." Wenn die Auswirkungen der Wirtschaftskrise und die Entlassungen noch deutlicher spürbar werden, herrscht im Pfandleihhaus sicher wieder Hochbetrieb.